Meine Seele hat es eilig.

Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt,  
dass ich weniger Zeit habe, zu leben,

als ich bisher gelebt habe.
Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel
Bonbons gewonnen hat: die ersten
isst es mit
Vergnügen, aber als es merkt, dass nur noch
wenige übrig sind, begann es,
sie wirklich zu genießen.
Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen,
bei denen die Statuten, Regeln, Verfahren
und
internen Vorschriften besprochen werden,
in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.

Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen
zu ertragen, die ungeachtet ihres Alters
nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr,
mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.

Ich will nicht in Besprechungen sein,
in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.

Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.
Mich stören die Neider, die versuchen,
Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer

Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.
Meine Zeit ist zu kurz um Überschriften zu diskutieren.
Ich will das Wesentliche,
denn meine Seele ist in Eile.
Ohne viele Süssigkeiten in der Packung. Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind.

Menschen, die über ihre Fehler lachen können,
die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden.

Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die
nicht vor ihrer Verantwortung fliehen.

Die die menschliche Würde verteidigen und die nur
an der Seite der Wahrheit und

Rechtschaffenheit gehen möchten.
Es ist das, was das Leben lebenswert macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben,
die es verstehen, die Herzen anderer zu berühren. Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens
lernten, durch sanfte Berührungen der

Seele zu wachsen. Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, mit der
Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.
Ich versuche, keine der Süßigkeiten,
die mir noch bleiben, zu verschwenden.

Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden,
als die, die ich bereits gegessen habe. Mein Ziel ist es,
das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir,
meinen Lieben und
meinem Gewissen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt,
wenn du erkennst, dass du nur eins hast.



Gedicht von Mario de Andrade (San Paolo 1893-1945) Dichter, Schriftsteller, Essayist und Musikwissenschaftler. Einer der Gründer der brasilianischen Moderne.


Dazu möchte ich noch eine persönliche Bemerkung machen.

Ich weiß, dass dies nicht mein einziges Leben ist,
aber ich möchte es leben, wie wenn es mein einziges ist.



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